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Reicht ein Overlay,

Die kurze Antwort: Nein.

Porträt Marcelo

08.04.2026
Von Marcelo

Ich bin bei points einer von zwei Expert:innen für barrierefreie digitale Angebote und ich werde in dieser Eigenschaft regelmäßig von Kunden gefragt, wie gut Overlays funktionieren. Oft von jemandem, der gerade ein Abo angeboten bekommen hat. Die Antwort ist: Gar nicht. Ein Overlay macht deine Website weder barrierefrei, noch schützt es dich vor rechtlichen Konsequenzen. Warum, und was stattdessen funktioniert, beschreibe ich in diesem Artikel.

Was sind Overlays

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz hat viele zum ersten Mal dazu gebracht, über Barrierefreiheit nachzudenken. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil es jetzt Bußgelder gibt, ähnlich wie bei der DSGVO. Erst kommt die Pflicht, dann die Panik – und irgendwann fragt man sich, worum es eigentlich geht: um Menschen, die deine Website benutzen wollen. Und so landet man bei Lösungen, die einfach klingen: Plugin aktivieren, fertig, barrierefrei.

In der Branche heißen solche Werkzeuge Overlays. Der Name beschreibt schon das Problem: Sie legen sich über den Code einer Website, statt ihn zu reparieren. Ein Pflaster über ein Konzeptionsproblem.  

Screenshot einer Website mit simulierter langsamer Verbindung: das Overlay-Widget zeigt seinen Ladeindikator — eine stilisierte rote Figur mit pulsierenden Punkten. Die eigentliche Seite ist bereits geladen, das Overlay noch nicht einsatzbereit.
Simulierte 3G-Verbindung. Das Overlay lädt noch. Die Benutzer sind längst weitergezogen.

Meistens siehst du ein Overlay als schwebenden Button am Bildschirmrand — hast du eine schnelle Internetverbindung und klickst darauf, öffnet sich ein Menü für Schriftgröße, Kontrast oder Zeilenabstand.

Wenn du aber eine langsame 3G-Verbindung hast, dauert es sehr lang, bis das Widget überhaupt reagiert. Währenddessen besuchst du die Seite ohne jede mögliche Korrektur, sei es automatisiert oder per Knopfdruck. Die „einfache, bezahlbare Lösung“ wurde noch nicht geladen und existiert noch nicht. Die Barrieren aber schon.

Was können sie und für wen sind sie gemacht?

Aber nehmen wir an, die Verbindung ist schnell und das Widget lädt sofort. Es ermöglicht die Schriftgröße zu ändern, Kontrast zu erhöhen, die Seite vorlesen zu lassen, sogar einen „Anfallsicher“-Button gibt es - wer sich noch nicht so viel mit Barrierefreiheit beschäftigt hat, wird beeindruckt sein. Aber Menschen, die auf solche Funktionalitäten angewiesen sind, haben sie längst in ihrem Betriebssystem oder ihrem Browser eingerichtet. Oder sie benutzen assistive Technologien wie Screenreader. Diese Werkzeuge sind Teil ihres Alltags, nicht nur, um Webseiten zu besuchen, sondern um Computer oder Smartphone überhaupt bedienen zu können.

Ein Widget, das redundant dieselben Funktionen auf einer einzelnen Website anbietet, zielt an den Bedürfnissen dieser Menschen vorbei und macht es ihnen eher noch schwerer.

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass die Overlays gar nicht für Nutzer:innen mit Screenreader, sondern für Websitebetreiber:innen gemacht sind, die eine Frist haben. Der schwebende Button signalisiert nach außen: Hier kümmert sich jemand. Aber er signalisiert es an die Falschen — an Entscheider:innen, an Anbieter:innen, an das eigene Gewissen. Nicht an die Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Denn die merken sofort, dass es nicht funktioniert.

Overlays

Das ist mehr als eine Vermutung. Zwischen 2024 und 2025 haben drei unabhängige Studien Overlays mit echten Nutzer:innen getestet. Zwei davon wurden bei der ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility veröffentlicht — der wichtigsten akademischen Konferenz für digitale Barrierefreiheit. Die dritte ist eine begutachtete Masterarbeit an der FH Salzburg und der Halmstad University.

Makati, Tigwellund Shinohara (TU Dublin / Rochester Institute of Technology)

befragten 47 blinde und sehbeeinträchtigte Menschen und führten zwölf vertiefende Interviews. 64 Prozent meldeten eine falsche Fokusreihenfolge auf Overlay-Seiten. 62 Prozent stießen auf unbeschriftete Formularfelder. 49 Prozent erlebten defekte Tastaturnavigation. 51 Prozent berichteten, dass das Overlay mit ihrem eigenen Screenreader kollidierte. Die Forscher:innen fassten zusammen: Overlays verschärfen bestehende Probleme in vielen Fällen, statt sie zu lösen.

Hartman und Gorichanaz bauten für ihre Studie (ACM ASSETS 2025)

zwei Websites mit jeweils 60 eingebauten WCAG-Fehlern und testeten AccessiBe, UserWay und AudioEye. Automatische Prüftools meldeten nach Aktivierung des Overlays weniger Fehler — aber die Tools erkannten nur 14 der 60 Fehler überhaupt. Als die Forscher:innen dieselben Seiten mit Tastatur und Screenreader testeten, blieben die schwerwiegenden Barrieren bestehen. Bei jedem Neuladen der Seite fielen die Korrekturen anders aus — die KI hinter den Overlays lieferte keine konsistenten Ergebnisse.

Daniela Kubesch (FH Salzburg /Halmstad University)

testete Overlays mit 21 Teilnehmer:innen mit dauerhaften Sehbeeinträchtigungen. Ihr Ergebnis: Die Nutzungserfahrung verschlechterte sich, sobald die Teilnehmer:innen merkten, dass ein Overlay aktiv war. Das Beste, was einem Overlay passieren kann, ist, dass niemand es bemerkt.

Behördliche Einordnung

Nicht nur Nutzer:innen können sich nicht auf Overlays verlassen - Prüfstellen auch nicht. Die BIK-Prüfstellen führen keinen BITV-Test durch, wenn sie ein Overlay auf der Website finden. Das Overlay verändert den Code im Browser, und die Prüfer:innen können nicht mehr feststellen, was die Website tatsächlich leistet und was das Overlay vorgibt zu leisten. Kein Test, kein Siegel, kein Nachweis. Wer ein Overlay installiert, verbaut sich den Weg zur Zertifizierung.

Die Behörden sind genauso deutlich. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit Juni 2025. Konformität bedeutet: alle AA-Erfolgskriterien der WCAG erfüllen — nicht nur die, die sich automatisch prüfen lassen. Leider beheben Overlays vor allem solche Probleme, die sich automatisch testen lassen, aber automatische Tools erkennen nur einen Bruchteil aller Probleme — in der Studie von Hartman und Gorichanaz waren es 14 von 60. Ein Overlay, das nur an dieser Oberfläche kratzt, kann die Anforderung nicht erfüllen. Verstöße kosten bis zu 100.000 Euro.

Der Ausschuss für barrierefreie Informationstechnik stellte im März 2025 fest: Eine nachträglich durch Software hergestellte barrierefreie Darstellung — auch wenn Nutzer:innen sie erst selbst aktivieren müssen — genügt nicht den gesetzlichen Anforderungen. Die Überwachungsstellen von Bund und Ländern kommen zum selben Ergebnis: Durch den Einsatz von Overlays können weitere Barrieren entstehen. Die Europäische Kommission erklärte bereits im Dezember 2023: Sie können keine Werkzeuge empfehlen, die in die Kategorie Overlay-Tools fallen.

Was stattdessen

Barrierefreiheit ist kein Plugin. Sie steckt im Code, in den Inhalten und in den Prozessen.

Audit

Lass deine Website von Fachleuten prüfen – mit Screenreadern, Tastaturnavigation und echtem Verständnis für die Nutzung. Automatische Scanner finden die häufigsten Fehler. Die schwerwiegendsten übersehen sie.

Reparatur an der Quelle

Behebe die Probleme im HTML, im CSS, in der Seitenstruktur. Nicht mit einer Schicht darüber.

Schulung

Barrierefreiheit ist Teamarbeit. Deshalb müssen Redakteur:innen wissen, wie sie Bildbeschreibungen schreiben und Überschriftenstrukturen einhalten. Designer:innen müssen Kontraste prüfen. Entwickler:innen müssen semantisches HTML beherrschen.

Kontinuität

Jedes Update kann neue Barrieren einführen. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt.
Wir bei points machen das seit vielen Jahren – in Audits, Schulungen und in unserer täglichen Entwicklungsarbeit. Wir haben komplexe Websites durch den BITV-Test gebracht und für ein großes internationales Unternehmen 440 Seiten in Kanada auditiert. Wir schulen Redakteur:innen und geben Workshops für Agenturen. Das kostet mehr als die Zeile Code, die es braucht, um ein Overlay einzubauen, aber es funktioniert.

Unser

Overlays versprechen eine schnelle Lösung für ein komplexes Problem. Sie liefern weder Barrierefreiheit noch rechtliche Sicherheit. Die Studien zeigen es. Die BIK-Prüfstellen testen nicht. Die deutschen Behörden warnen. Die US-Verbraucherschutzbehörde hat eine Million Dollar Strafe verhängt. Selbst die Anbieter schließen Konformität in ihren eigenen Nutzungsbedingungen aus.

Mach Deine Webseite wirklich barrierefrei. Wir helfen dir gerne dabei!

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